Berliner Morgenpost, 20.11.2011

Treptower Hafen

Hausboot-Besitzerin kämpft gegen Räumung

Sonntag, 20. November 2011 13:12  – Von Sabine Flatau
Seit neun Jahren lebt Andrea Schöneich in Berlin-Treptow auf einem Hausboot. Doch das Unternehmen, das ihr den Platz am Steg vermietet hat, kündigte den Vertrag. Rund 30 Bootsbesitzer müssen mit einer Räumung rechnen.


Foto: David Heerde

Andrea Schöneich klagt dagegen, dass ihr Zuhause weggeschleppt werden soll
Andrea Schöneich hat Angst. Angst, dass sie eines Tages von der Arbeit nach Hause kommt und ihre Wohnung weg ist. Ihre Wohnung – das ist das Hausboot „Havelschwan“ an einem Steg im Treptower Hafen. Seit neun Jahren lebt die Theatermeisterin auf dem Wasser. „Das ist ein Leben, wie ich es führen will“, sagt die 52-Jährige. Dicht an der Natur, auf Planken, die sich mit den Wellen bewegen, das Plätschern der Spree als Geräusch beim Einschlafen. Doch nun droht die Zwangsräumung. Die Stern und Kreisschiffahrt GmbH, die ihr den Platz am Steg vermietet hatte, kündigte den Vertrag im vergangenen Jahr. Nicht nur für die Eignerin des „Havelschwans“, sondern auch für zehn weitere Wohnschiffe. Das Unternehmen will die Stege künftig selbst nutzen.

Andrea Schöneich ist geblieben – die meisten anderen Schiffsbewohner auch. Den Prozess beim Landgericht hat sie verloren. Das Urteil wurde im September gesprochen. Es lautet: Räumung. Andrea Schöneich soll die „Havelschwan“ und ein weiteres Boot, das ihr gehört, entfernen. Doch die Theatermeisterin gibt nicht auf. Sie ist in Berufung beim Kammergericht gegangen. Das Verfahren hat begonnen. Aber nun habe das Schifffahrtsunternehmen bei Gericht beantragt, dass das Hausboot abgeschleppt werden kann, erzählt sie. In einen Industriehafen in Spandau, wo sie die „Havelschwan“ nicht länger bewohnen darf, aber fast 1000 Euro Gebühren im Monat zahlen muss. „Es wäre eine Katastrophe, wenn das passiert, noch bevor es ein rechtskräftiges Urteil gibt“, sagt Andrea Schöneich. Ihre Ängste sind nicht unbegründet. „Das Urteil ist vollstreckbar“, sagt Kammergerichtssprecher Ulrich Wimmer. Die Stern und Kreis könne die Boote räumen lassen.

Ohne Strom und Wasser

Auch die meisten anderen Schiffseigner haben ihre Gerichtsverfahren in erster Instanz verloren und Berufung eingelegt. Eine Verhandlung steht noch im November an. Acht Wohnschiffe liegen noch an den Stegen der Stern und Kreis, etwa 30 Menschen leben auf den Bootsplanken, darunter mehrere Familien mit Kindern. Ihr Pech: In den Prozessen betrachtet das Landgericht Berlin die Vereinbarungen mit der Stern und Kreis GmbH als allgemeine Mietverträge und nicht als Mietverträge für Wohnraum. „Dann wäre die Kündigung schwieriger“, sagt Gerichtssprecher Wimmer.

Zwei Betroffene haben sich auf einen Vergleich vor Gericht eingelassen. Sie sind mit ihren Hausbooten ein paar Meter weiter nach Osten gerückt, noch nahe den anderen Schiffen, aber nicht mehr im Gebiet des Treptower Hafens. Eines der beiden Schiffe ist die „Alfred“, auf der die Psychologin Sylvi Finger mit ihrem Mann und drei Kindern lebt. Weil kein Steg mehr zur Verfügung steht, wird eine Brücke zum Land heruntergelassen, wenn die Kinder zur Schule wollen. Und wieder hochgezogen. Auch Familie Finger drohte die Zwangsräumung. Auch ihr wurde angekündigt, dass das Schiff in den Spandauer Hafen geschleppt werden soll. „Wir hatten alles versucht, um bleiben zu können, alle Mittel ausgeschöpft“, sagt die 41 Jahre alte Mutter. Deshalb der Umzug – damit ist die Gefahr der Zwangsräumung vorüber.

Doch wieder ist die Familie in einer bedrohlichen Situation, denn Eltern und Kinder müssen ohne Strom und ohne Wasser auskommen. Das Stromkabel wurde unterbrochen, der Wasserschlauch gekappt. „Wir wollten es nicht umsonst“, sagt die junge Mutter. „Wir hätten, wie bisher, regelmäßig dafür bezahlt.“ Doch die Stern und Kreis GmbH ist nicht mehr bereit, beides wie bisher zur Verfügung zu stellen. „Die Schiffe liegen nicht mehr an unseren Brücken“, sagte deren Geschäftsführer Jürgen Loch. Eine Haltung, die beim neuen Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, Oliver Igel (SPD), auf Unverständnis stößt. Strom- und Wasserversorgung zu kappen sei „mehr als ein unfreundlicher Akt“, sagte er, und in Anbetracht des nahenden Winters    „menschlich nicht nachvollziehbar“. Der Bezirk versuche zu helfen.

Kerzenlicht und Taschenlampen

Vorerst zündet die Familie Finger bei Einbruch der Dämmerung Kerzen an und behilft sich mit Taschenlampen. Doch auch die Pumpen auf dem Schiff bekommen jetzt keinen Strom mehr. Sie könnten einfrieren. „Das geht so nicht auf Dauer“, sagt Sylvi Finger. „Es ist existenziell und zerrt an den Nerven.“ Seit zehn Jahren lebt sie auf der „Alfred“. 20 mal vier Meter groß ist ihr Zuhause. „Ich bin hier sehr glücklich gewesen“, sagt sie. Auch ihr Nachbar Torsten Heinke auf der „Mühlberg“ muss auf TV und elektrisches Licht verzichten. Kalt sei es nicht, denn er besitze einen Kamin, sagt der Kfz-Mechaniker. Und habe ein Stromaggregat bestellt.

Seit acht Jahren lebt er auf dem Schiff. „Ich habe so viel Liebe, Geld und Arbeit hineingesteckt“, sagt der 43-Jährige. „Und selbst wenn ich in eine Wohnung ziehen würde – das Boot ist noch da und braucht einen Platz.“ Die Suche nach einem anderen Standort für die Hausboote läuft seit Jahren. Die Familien aus dem Treptower Hafen würden gern als Kolonie umziehen. „Ich habe mir von Spandau bis Köpenick Grundstücke am Wasser angesehen“, sagt Theatermeisterin Schöneich. Aufgeben will die Schiffseignerin nicht. „In einer Wasserstadt wie Berlin müsste so etwas doch möglich sein.“

Erschienen am 20.11.2011

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