Berliner Morgenpost, 14.10.2010

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Räumungsklage

Hausboote im Treptower Hafen sollen verschwinden

Freitag, 15. Oktober 2010 02:32  – Von Sabine Flatau

Blumenkübel stehen an Deck und eine Zinkbadewanne. Brennholzscheite stapeln sich neben der Reling. Ein Fahrrad lehnt am Schiffsheck. 13 Hausboote liegen im Treptower Hafen, neben den Ausflugsdampfern der Stern und Kreisschiffahrt.

Etwa 30 Menschen leben auf den Schiffsplanken, darunter Familien mit Kindern und Behinderte. Doch jetzt sollen die schwimmenden Wohnungen verschwinden. Der Vermieter der Stege, die Stern und Kreis, habe eine Kündigung geschickt, erzählten Besitzer der Hausboote. Weil sie nicht fristgemäß im Sommer weggezogen seien, hätten sie im September eine Räumungsklage bekommen.

Vier Verfahren seien derzeit im Gange, sagte Ulrich Wimmer, Sprecher des Kammergerichts, drei davon noch in der Vorbereitungsphase. In einem Falle stehe der Gerichtstermin im November bereits fest. Die Stern und Kreis wollte sich gegenüber der Berliner Morgenpost nicht zum Thema äußern.

Doch die Hausboot-Bewohner haben auf der Internetseite www.wohnschiffe-berlin.de den Konflikt beschrieben: „Seit April 2010 suchen die Mieter das konstruktive Gespräch, um gemeinsam eine verträgliche Lösung des Liegeplatzproblems zu finden. Dies wird von der Stern und Kreisschiffahrt GmbH ohne Angabe von Gründen rigoros verweigert.“

Die schwimmende Kolonie existiert seit zehn Jahren. Sie wird geliebt von ihren Bewohnern, zu denen ein Verwaltungsmitarbeiter, eine Psychologin, eine Ingenieurin und ein Kfz-Mechaniker gehören. „Es ist schade, wenn wir nach so langer Zeit wegmüssen“, sagte Frank Karge (Name von der Redaktion geändert). „Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen.“ Man zahle auch nach wie vor die Miete – zwischen 200 und 400 Euro pro Monat – obwohl es keine gültigen Verträge mehr gebe. „Wir könnten wegziehen, aber wir brauchen mehr Zeit.“ Man müsse sich neue Liegeplätze suchen. „Mit Stromanschluss, denn sonst funktioniert die Heizung nicht, und der Winter kommt.“

Das Wohnen auf Schiffsplanken aufzugeben, kommt für die meisten nicht infrage. „Ich kann mir keine andere Lebensweise mehr vorstellen“, sagte eine junge Frau. „Man wacht auf dem Fluss auf, man erlebt alle Jahreszeiten am Wasser. Die Schwäne füttern wir aus dem Fenster.“ Sie lebt seit zehn Jahren im Treptower Hafen und wird voraussichtlich die Erste sein, die den angestammten Platz aufgibt. „Bevor der Gerichtstermin im November stattfindet, wollen wir weg sein.“ Ein Liegeplatz in Spandau ist in Aussicht, aber noch fehlen Genehmigungen dafür. Und es ist ein Einzelplatz. „Mit den anderen zusammen wäre es schöner“, sagte die junge Frau.

Das sieht auch Frank Karge so. Er möchte, dass die Kolonie zusammenbleibt. Am liebsten würden die Hausboot-Besitzer die vier Stege direkt vom Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin (WSA) mieten, sagte er. „Keine Chance“, hieß es dazu aus dem WSA. Man habe einen gültigen Vertrag mit der Stern und Kreisschiffahrt und werde ihn nicht aufgeben, sagte eine leitende Mitarbeiterin der Behörde. Das WSA werde sich in die Auseinandersetzung nicht einmischen.

Noch droht den Hausboot-Bewohnern in Treptow keine unmittelbare Gefahr. Die Gerichtsverfahren dauern voraussichtlich mehrere Monate. Erst wenn ein rechtskräftiges Urteil ergangen und die Klage erfolgreich sei, könne der Kläger den Gerichtsvollzieher beauftragen, sagte Kammergerichtssprecher Wimmer. Dennoch sitzt den Bewohnern der schwimmenden Behausungen die Angst im Nacken. Frank Karge: „Man schläft keine Nacht mehr ruhig, wenn man denkt, wann wird das Boot abgeschleppt.“

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