W2320 Lenz – was ist normal? wo ist das Normalnull? Kunst auf dem Dach

Ulrike Mohr (1970*) hat in den Jahren 2004 und 2005 an vier Standorten in Berlin die Höhen auf Dächern und Böden in roter Straßenfarbe neu definiert und markiert. Unter dem Titel „Maßnahme am Normalnull Berlins: Eine Rechenaufgabe mit offenem Ende“ hat Ulrike Mohr zusammen mit Katinka Bock den Fernsehturm auf dem Alexanderplatz als Bezugspunkt für Normalnull festgelegt und damit die geographischen Maßstäbe ad absurdum geführt. Auf Landkarten findet sich mit ü NN die Höhe oberhalb des Meereswasserspiegels, Normalnull ist eine Vereinbarung und damit ein künstlich geschaffener Standard. Der Mittelwert, den es in einer dynamischen Natur nicht geben kann, wird in die Höhe projiziert und alles andere entsprechend tiefer gelegt – als wär es unter der Mittel-Wasserlinie. Das Abschmelzen der Polkappen wird metaphorisch vorweggenommen.

Ulrike Mohr: „Ausgehend von der Beobachtung, dass die Bundes- und Kulturhauptstadt Berlin rote Zahlen schreibt und diese in Maßnahmen, im Maßnehmen oder im Maßregeln zu kanalisieren sucht, schließen wir uns diesem Trend an und entwickeln einen neuen Berliner Maßstab. Wir setzen in der geographischen Mitte Berlins an, im Zentrum Berlins der ehemaligen Ost- und Weststadtteile. Wir suchen in der horizontalen Ebene, in den geologischen Schichten Berlins zwischen Fernsehturm und U-Bahn, dem höchsten und tiefsten öffentlichen Standort in Berlins. Wir verlegen alte Maßstäbe in den Luftraum und setzen exemplarisch an ausgewählten Objekten neue Maßstäbe an. Wir berechnen die Höhen und die Tiefen Berlins neu. Wir forschen in der hierarchischen Koordinaten der Senkrechte. Wir ermitteln eine neue Mitte Berlins und legen auf diesem Mittelplateau einen neuen kartografischen Wert, ein neues Normalnull (NN) fest.“Berlin ist der gedachte Raum und praktische Rahmen für die Maßnahme am Normalnull Berlins: Die Maßnahme ist nicht nur Gedankenspiel, sondern bezieht sich ganz konkret auf das menschliche Maß, den Berliner Maßstab und ist eine Konstruktion, die ein visuelles und gedankliches Höhenmodell neben dem Meeresspiegel für Berlin bestimmt. Der höchste öffentliche und begehbare Ort Berlins ist das Telecafé des Fernsehturms mit 207 m Höhe, der tiefste ist die U-Bahn mit durchschnittlich 30 m Tiefe. Die Halbierung deren Summe ergibt die Mitte, das neue Normalnull. Das neue Maß der Mitte: NN liegt jetzt im Luftraum auf einer Höhe von 88,50 m. Am Fuße des Fernsehturmes messen wir – 88,50 m . Der Palast befindet sich auf – 54,32 m Höhe unter NN. Fast ganz Berlin ist unten durch. Land unter für alle? Oben auf nur der Fernsehturm und ein paar Inseln.“

Der Rechenprozess:
207m (Telecafé Fernsehturm) + 30m (U-Bahn) = 237m
237m : 2 = 118,5m
207m – 118,5m = 88,5m entspricht 0.

Die Marken wurden in Berlin an folgende Standorte gesetzt:
Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes (-55,70) und Gustave-Eiffel-Oberschule (-72,8), in 2004, sowie Wohnschiff Lenz WS 2320 (-85,95) und Palast der Republik (-54,32) in 2005.

Spannend ist die Frage: Gibt es die Standorte noch, sind sie auf google earth nachprüfbar und wie hat der Zahn der Zeit an ihnen genagt? Kunst und Vergänglichkeit…
Die Zahl auf dem Schiff und die erste Zahl auf dem DGB Hochhaus (Wittenbergplatz, Keithstraße / Kleiststraße) sind gut zu erkennen. Die Zahl auf der Schule in der Kastanienallee ist wegsaniert und auch der Palast der Republik abgerissen. Diese Marken sind nicht mehr vorhanden.

Ulrike Mohr, geb. in Tuttlingen, lebt in Berlin, hat die Kunsthochschule Berlin-Weißensee als Meisterschülerin absolviert, an der Academy of Fine Arts Trondheim in Norwegen studiert und zahlreiche Stipendien zB für einen Austausch mit Istanbul erhalten. Ihre aktuelle Arbeit „Signalkugel“ ist an der Spree, am May-Ayim-Ufer Höhe Oberbaumbrücke, zu sehen.

WIKIPEDIA
„Der Normalnullpunkt ist ein theoretischer Punkt, der genau 37m unter dem an der früheren Berliner Sternwarte eingerichteten Normalhöhenpunkt 1879 liegt. Der Normalhöhenpunkt ist am 22. März 1879 zum Geburtstag des Kaisers Wilhelm I. eingeweiht worden. Die für die Ableitung der Höhe vom Amsterdamer Pegel zugrundeliegenden Nivellements aus den Jahren 1875 bis 1876 haben eine Unsicherheit von ± 1 Zentimeter. Das Normalnull repräsentiert das Mittelwasser der Nordsee mit einer Unsicherheit von etwa ± 1 Dezimeter.“

Luftbild Hafen Treptow: Copyright: Ulrike Mohr und Katinka Bock, 2005

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